Entschlüsselung der chinesischen Schriftzeichen (7) – Der wahre Zweck der Schriftzeichen-Reform durch die KP Chinas

Chinese character typography

Entschlüsselung der chinesischen Schriftzeichen (7) – Der wahre Zweck der Schriftzeichen-Reform durch die KP Chinas

(Bild: iStock)

Das angekündigte Ziel: Schriftzeichen durch Buchstaben zu ersetzen

Im 19. Jahrhundert stellte sich nach den Opiumkriegen die – im Vergleich zum Westen und zu Japan, das schon vor China dem Westen zugänglich war – fehlende technologische Entwicklung Chinas heraus. China verlor die Opiumkriege und musste Zugeständnisse an die Sieger abtreten. Es begann das sogenannte “Jahrhundert der Schande”, das umso traumatisierender war, weil China bis dahin – seit Beginn der Qing-Dynastie im Jahr 1644 – die größte Ausdehnung seiner Geschichte erreichte und auch eine wirtschaftliche Blüte erfuhr. (Bis heute wird in China noch das “Jahrhundert der Schande” angesprochen, wenn man negative Gefühle im Volk gegenüber dem Westen aufwecken möchte.) 

China suchte die Gründe für diese Schwäche gegenüber dem Westen und so begann die “Selbststärkungsbewegung”, auch “Bewegung der Verwestlichung” genannt. Dabei sollte die äußere Form dem Westen angepasst werden, aber die chinesische Natur sollte beibehalten werden. Es wurden westliche Akademien gegründet und Studenten ins Ausland geschickt. Einer der Gründe warum China “zurückgeblieben” war, war angeblich die schwierige Schrift: Sie war einfach nicht so leicht zu lernen wie die Alphabete des Westens. – Dass Japan das komplizierteste Schreibsystem der Welt besitzt und sich dennoch erfolgreich reformiert hatte, wurde außer Acht gelassen.

1949, gleich ein paar Tagen nach der Gründung der Volksrepublik China, begannen die Bemühungen der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), die chinesischen Schriftzeichen zu reformieren. Nach der Anweisung von Mao Zedong 1950 sollte das Ziel dieser Reform sein, das seit Tausenden von Jahren existierende Schreibsystem komplett abzuschaffen und es durch Buchstaben zu ersetzen. Um dies allmählich zu erreichen, wurde zuerst die sogenannte “Vereinfachung” als Zwischenziel gesetzt.  

Wie im vorherigen Artikel erwähnt, gab es in China schon vor der Schriftreform, aus pragmatischen Gründen, die Tradition vereinfachte handschriftliche Schriftzeichen für private Zwecke zu verwenden. In der Schule wurden nur die traditionellen Schriftzeichen gelehrt, gelesen und geschrieben. 

Im Namen der “Vereinfachung” wurden über zweitausend traditionelle Schriftzeichen offiziell abgeschafft 

Da das Wort “vereinfachtes Schriftzeichen” für das Volk harmlos klang, verwendete die KPCh das als den allgemeinen Begriff für die neu geschaffenen Schriftzeichen während der Schriftreform. Das Hauptargument der KP Chinas für die Vereinfachung war, dass die Vereinfachung die Alphabetisierungsrate in China fördern werde, vor allem in den ländlichen Regionen. 

1956 wurden in zwei Wellen neue Schriftzeichen in Kraft gesetzt. Sobald ein Schriftzeichen eine neue Version erhielt, sollte die alte Version möglichst “verschwinden”.

Als 1956 circa 500 neue Schriftzeichen veröffentlicht wurden, löste dies unter den Intellektuellen und den Beamten der Partei Kritik aus, da manche neue Schriftzeichen und Regeln als irreführend schienen. Diejenigen, die sich kritisch zu der Schriftreform äußerten, wurden 1957 während der “Anti-Rechts-Kampagne” von der KPCh verfolgt. Danach gab es bis zum Tod Maos 1976 keine Gegenstimmen mehr zu hören und die Reform konnte reibungslos fortgeführt werden. Als eine weitere Zwischenetappe wurde auf Basis des lateinischen Alphabets 1956 die Lautschrift Pinyin eingeführt, die auch heute noch benutzt wird. Die gänzliche Abschaffung der Schriftzeichen wurde nach Maos Tod jedoch nicht mehr weiter verfolgt.

In der 1986 veröffentlichten “Allgemeine Tabelle der vereinfachten chinesischen Schriftzeichen” sind insgesamt 2.274 chinesische Schriftzeichen vereinfacht dargestellt.

Die Folgen der Schriftreform der KPCh

Die ursprüngliche Annahme, dass vereinfachte Schriftzeichen nicht nur einfach zu schreiben, sondern auch leicht zu merken seien, ist bis heute weder wissenschaftlich noch in der Praxis nachgewiesen. 

Ganz im Gegenteil: Wissenschaftlich hat sich bereits bestätigt, dass die Wiedererkennung von chinesischen Schriftzeichen nichts mit der Anzahl der Striche zu tun hat. Einige Experimente zeigen sogar, dass sich die Kinder der unteren Klassenstufen in den Vororten Pekings eher an die traditionellen Schriftzeichen erinnern als an die vereinfachten. 

Wegen des Bildungsmangels in den ländlichen Regionen gibt es heute in China noch über 40 Millionen Analphabeten. Die Alphabetisierungsrate in Taiwan und Hongkong, wo die Langzeichen genutzt werden, ist hingegen bei fast 100%. 

Die Einführung der reformierten Schriftzeichen kann die Unterrichtszeit für Alphabetisierung in Grundschulen in Festlandchina nicht verkürzen. Das Grundschulsystem dort beträgt ebenso noch sechs Jahre, wie in Hongkong und Taiwan. (Im Alltag benötigt man etwa 3000 Schriftzeichen.)

Die Schriftreform der KPCh hat ihren wahren Zweck erfüllt 

Die Schrift einer Nation ist nicht nur eine Sprachaufzeichnung, sondern auch ein Informationsträger des kulturellen Erbes. Chinesische Schriftzeichen enthalten quasi den genetischen Code der traditionellen Kultur Chinas durch ihren ausdrucksvolle ideografischen Eigenschaften. 

Die Schriftzeichen und deren Grundelemente in dem traditionellen Schreibsystem Chinas sind vergleichbar mit den verschiedenen Arten in einem Ökosystem. Die Abschaffung von Schriftzeichen ist nichts anderes, als die Artenvielfalt zu zerstören. Obwohl viele neue Schriftzeichen auf Basis der kalligrafischen Schriftarten Kursivschrift ( 行書, Xíngshū) und Grasschrift (草書, Cǎoshū) erschaffen wurden, und sie sich auf den ersten Blick nicht so stark von den Langzeichen unterscheiden, ist das neue Schreibsystem in der Tat durch viele zusätzlich geschaffenen Grundelemente instabiler geworden.   

So verliert die junge Generation in China einen weiteren leichten Zugang zur traditionellen Kultur. Das Ergebnis einiger Studien hat gezeigt, dass die Auffassungsfähigkeit der klassischen Kultur von jungen Menschen im Festlandchina geringer ist, als die ihrer Gleichaltrigen in Hongkong und Taiwan. Somit hat die Schriftreform der KP Chinas ihren wahren Zweck erfüllt. Durchschnittlich gebildeten Chinesen ist es nicht möglich, die Langzeichen alter Texte, die nicht übertragen wurden, zu lesen.

In den folgenden Artikel sehen wir uns einige Beispiele an, um diesen Aspekt zu verdeutlichen.

Links:

https://www.epochNspirement.com/b5/7/9/19/n1839789.htm

https://www.alumniportal-deutschland.org/fileadmin/bilder/nachhaltigkeit/Infografik-Analphabetismus-weltweit-DE_1200px.jpg

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